Brauchen wir fahrradfreundliche Städte?

Die Arbeitsgemeinschaft “fahrradfreundliche Stadt Unna” feiert ihre ErfolgeZum Teil sicher zu Recht. Es wurde schon einiges erreicht. Aber ist Unna wirklich schon fahrradfreundlich und reicht es überhaupt aus, einfach nur fahrradfreundlich zu sein? 

Viel Geld wurde in die Hand genommen.  Radwege und Abstelleinrichtungen wurden gebaut. Viel Sinnvolles und viel Unsinniges wurde getan.
Ist Unna schon eine fahrradfreundliche Stadt? Woran macht man Fahrradfreundlichkeit fest?

Ist Fahrradfreundlichkeit messbar an der Anzahl der neugebauten Fahrradwegkilometer?  Sind Fahrradwege, die nur selten genutzt werden, schon ein Beweis der Fahrradfreundlichkeit? Oder ist nicht die Steigerung des Fahrradverkehrs ein besserer Indikator?

Ich denke, letzteres ist sicher eher richtig. Aber wissen wir überhaupt, ob und um wieviel der Fahrradverkehr zugenommen hat? Eine gelegentliche Überprüfung der beschlossenen Maßnahmen auf Wirksamkeit sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein um Fehlentwicklungen entgegensteuern zu können. Dazu ist es nötig, vorher die Ziele klar zu definieren und sich auf  das Erreichen dieser Ziele zu konzentrieren.

Das Ziel der AG “Fahrradfreundliche Stadt” sollte doch sicher sein, mehr Menschen auf das Rad zu bekommen und für die vorhandenen Radfahrer den Straßenverkehr sicherer und angenehmer zu machen. Der Bau von Radwegen ist nicht das Ziel, sondern nur ein mögliches Mittel zum Erreichen dieser Ziele.
Ich bin mir nicht sicher, ob die eigentlichen Ziele nicht manchmal hinter bautechnischen Fragen in den Hintergrund treten. Eine gelegentliche Befragung der radfahrenden Bürger oder schlicht eine Verkehrszählung könnte hier sicher aufschlussreich sein.

Aber wie kommt man zu einer fahrradfreundlichen Stadt Unna?
Fakt ist: Trotz der nicht gerade günstigen Topografie sieht man recht viele Radfahrer auf den Straßen. Zumindest genug, um sie nicht als zu vernachlässigende Minderheit anzusehen. Andererseits könnten es ruhig noch ein paar mehr werden. Der Umwelt und der Lebensqualität würde es gut tun.

Ein großer Teil der Radfahrer wird sicher mit dem Erreichen des 18. Lebensjahr auf das Auto umsteigen. Wie kann man junge Menschen davon überzeugen, dass Radfahren cool ist?
Viele Menschen fahren kein Rad, weil sie glauben, dass es zu gefährlich ist. Wie gefährlich es wirklich ist (gemessen an anderen Lebensrisiken) hängt aber weniger von äußeren Umständen, sondern vor allem vom eigenen Verhalten ab. Wie nimmt man diesen Menschen die Angst?

Die Antworten auf diese Fragen sind nicht technischer sondern psychologischer Natur. Die Bauverwaltung kann hier nur unzureichende Lösungen bieten. Allein schon, weil an allen Ecken das Geld fehlt und ein Flickenteppich aus schlecht gemachten Radwegen nutzlos bis kontraproduktiv ist. Man muss beim Menschen anfangen.

Diskussionen über Radwege und Helme oder gar eine Helmpflicht bauen weder Ängste ab noch sind sie cool.
Bevor wir Radwege bauen, auf denen niemand fährt, müssen wir erst mal für das Radfahren werben. Die Autoindustrie tut dasselbe übrigens auch mit großem Erfolg. Es muss erst mal einen nennenswerte Anzahl an Menschen auf den Rädern sein; erst dann sieht man auch, wo wirklich Handlungsbedarf für Bauvorhaben besteht.

Eine fahrradfreundliche Stadt ist für mich eine Stadt, in der Radfahrer als vollwertige Verkehrsteilnehmer akzeptiert werden. Davon ist Unna noch weit entfernt. Viele Autofahrer sehen Radfahrer immer noch als Verkehrshindernis im eigentlich ihnen, den Autofahrern, zustehenden Verkehrsraum an. Beschimpfungen, weil man nicht auf dem Radweg fährt, kommen sogar vor, wenn neben der Straße gar kein Radweg existiert. Der Bau von Radwegen verschärft dieses Problem eher, da er Autofahrer in ihrer Meinung bestärkt, dass Radfahrer ähnlich wie Fußgänger generell auf der Straße nichts verloren haben. Auch hier kann durch dauerhafte Aufklärungskampagnen versucht werden, ein Umdenken zu erreichen. Eine Stadt ist nur so fahrradfreundlich wie die Menschen, die in ihr wohnen.

Am Ende kommen natürlich doch wieder die Planungsverwaltungen ins Spiel. Ganz ohne bauliche Maßnahmen geht es nicht. Allerdings muss der Ansatz für sie, die nicht nur für eine kleine Bevölkerungsgruppe der Radfahrer arbeiten, umfassender sein. Es geht nicht ums Radfahren allein, sondern um Mobilität. Bisher wurde das Auto hier klar bevorzugt. Auch viele Radwege wurden oft eher deswegen gebaut, um die Straße von Radfahrern freizuhalten und nicht um den Radfahrern ein praktikables Wegenetz zu bieten, auf denen sie zügig vorankommen. Noch immer sind viele Ampelschaltungen und Radwegführungen ausschließlich an den Bedürfnissen des Autoverkehrs ausgerichtet. Allerdings kommt der Autoverkehr aus verschiedenen Gründen langsam an seine Grenzen.

Das Verkehrssystem der Zukunft wird sicher ein Mix verschiedener Verkehrsmittel sein, in denen das Fahrrad eine wichtige, aber nicht die einzige Rolle spielt. Die fahrradfreundliche Stadt ist hier nur ein Baustein im Gesamtkonzept. Weitere Bausteine sind der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, insbesondere eine gute Verknüpfung der einzelnen Nahverkehrssystem untereinander, aber auch eine gute Verknüpfung mit dem Radverkehr durch Abstellanlagen, Mieträder und Mitnahmemöglichkeiten.
In Innenstädten, in denen es in der Regel an Platz für seperate Radwege fehlt, sollte man den Bau gar nicht erst erwägen. Hier ist die Lösung eher in geteilten Verkehrsräumen zu suchen, in denen langsam gefahren werden muss  (übrigens fließt auch ohne Radfahrer in Innenstädten der Autoverkehr bei 30 km/h am flüssigsten. Warum immer noch verbissen an Tempo 50 festgehalten wird, ist ein Anachronismus, der sachlich nicht zu erklären ist). Radfahrer und Autofahrer haben hier einen gleichberechtigten Anspruch auf den Verkehrsraum.

Das Ziel muss es sein, vor allem in Ballungsgebieten das Auto fast überflüssig zu machen. Wo viele Menschen wohnen, lohnt die Investition in alternative Verkehrssysteme und wo es attraktive Verkehrssysteme gibt, werden sie auch genutzt.

Unna ist noch weit entfernt von einer wirklich fahrradfreundlichen Stadt. Bei den meisten Menschen ist dieses Konzept noch nicht in den Köpfen angekommen. Vielleicht sollten wir in Zukunft lieber an einer mobilen Stadt arbeiten, um mehr Menschen mitzunehmen. Verkehrspolitik ist kein Randphänomen, sondern geht alle an.
Mit dem Fahrradparkhaus, dem neuen Busbahnhof und der beidseitigen Befahrkeit von Einbahnstraßen für Fahrräder sind schon gute Ansätze gemacht. Jetzt geht es darum, die Menschen davon zu überzeugen, dass das Auto nicht immer das günstigste Verkehrsmittel ist, sondern dass es attraktive Alternativen gibt. Es geht nicht um Auto ODER Fahrrad, sondern um Auto UND Fahrrad UND öffentlicher Nahverkehr. Mit abnehmender Gewichtung des Autos.
Geteilte, geschwindigkeitsbegrenzte Straßenräume, in denen alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt sind, (preis)günstige Nahverkehrsangebote und Aufklärungskampagnen könnten weitere Bausteine in diesem Konzept sein.
Es gibt sicher viele Ideen. Wichtig ist aber, das Ziel klar abzustecken und konsequent darauf hinzuarbeiten. Die enge Fokussierung auf die “fahrradfreundliche Stadt” greift zu kurz. Die AG “fahrradfreundliche Stadt” ist nur eine weitere Organisition in einer Mischung von gegeneinander arbeitenden Organisationen. Insofern hat sie ihre Berechtigung als Gegengewicht zu ZRL, VKU und DB, die nicht über ihren Tellerrand schauen, zur Polizei, die die Welt meist aus Sicht des Autofahrers sieht, und den verschiedenen Bauverwaltungen und Planungsämter, die auch nicht immer an einem Strang ziehen. Besser wären jedoch gemeinsam definierte Ziele und eine übergreifende Koordination der verschiedenen Bereiche. Das würde auch dem Radverkehr zugute kommen und gleichzeitig (wenn es gut gemacht wird) eine breitere Akzeptanz finden.

Vergleicht man diese Gedanken mit dem Leitbild der Arbeitsgemeinschaft “fahrradfreundliche Stadt”, deckt sich das eigentlich größtenteils. In der Praxis geht es aber dann eben doch immer nur um Radwege. Allein der Name der AG suggeriert Nichtradfahrern schon, dass es sich dabei um eine Interessenvertretung einer kleinen unbedeutenden Gruppe von Idealisten handelt, mit denen man als Autofahrer nichts zu tun hat oder die die Mehrheit der Autofahrer in ihren Rechten einschränken möchte. Eine striktere Orientierung am eigenen Leitbild würde der AG daher gut zu Gesicht stehen.

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